Bulimie (Bulimia nervosa): Wenn essen nicht mehr glücklich macht
Bulimie wird auch als Ess-Brech-Sucht bezeichnet. Bei Heißhunger- und Essanfällen, die aus einem Gefühl der inneren Leere heraus auftreten, werden in kurzer Zeit große Nahrungsmengen verschlungen. Dabei bevorzugen Betroffene hochkalorische, leicht zu essende Nahrungsmittel. Die Essanfälle werden als Kontrollverlust und als sehr belastend erlebt. Diesen Anfällen folgen absichtliches Erbrechen, der Missbrauch von Abführmitteln und harntreibenden Medikamenten und rigoroses Fasten, das durch die Einnahme von Appetitzüglern und/oder Schilddrüsenhormonen unterstützt wird. Darüber hinaus versuchen viele Menschen mit Bulimie einer drohenden Gewichtszunahme vorzubeugen, indem sie extrem sportlich und überaus aktiv sind.Im Überblick
Definition
Ähnlich der
Magersucht haben Menschen mit Bulimie eine gestörte Körperwahrnehmung und eine übergroße Furcht davor, zuzunehmen. Doch nach außen sind ihr Erscheinungsbild und ihr Umgang mit Essen völlig normal. Denn Bulimiker sind meist normalgewichtig, eher angepasst, diskret und unauffällig. Die Ess-Brech-Attacken finden in aller Heimlichkeit statt. Die Betroffenen schämen sich für ihr bulimisches Essen, das häufig von einem Gefühl des Ekels vor sich selbst und depressiven Verstimmungen begleitet ist. Oft kommen Mehrfachabhängigkeiten z.B. mit Alkohol, Drogen oder Medikamenten und selbstverletzendes Verhalten vor.
Die Häufigkeit Schätzungen zufolge leiden 2-4% in der Risikogruppe der 18- bis 35-jährigen Frauen an Bulimie. Genaue Angaben sind wegen der hohen Dunkelziffer dieser Erkrankung nicht möglich. Die Zahl der Neuerkrankungen nimmt aber ständig zu und ist höher als bei der Magersucht. Auch ist das Alter bei Erkrankungsbeginn, zwischen 20 und 30 Jahren, meist etwas höher. Bulimie kann aber auch in der Folge einer Magersucht auftreten. Bulimische Menschen sind zumeist weiblich (90%), treten oft sehr kontrolliert, zielstrebig und ehrgeizig auf und stammen aus der sozialen Mittelschicht. Zwischen den Essattacken haben sie ihr Leben äußerlich gut im Griff und sind in ihrem Lebensbereich erfolgreich.
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Ursachen der Bulimie
Jeder Mensch mit Bulimie hat einen ganz individuellen Leidensweg hinter sich. Dabei können verschiedene Faktoren in ihrem Zusammenwirken die Entstehung einer Bulimie begünstigen:
- Gesellschaftliches Schlankheitsideal
Schlanksein wird als Garant für Selbstwertgefühl und Erfolg in allen Lebensbereichen angesehen und verleitet zu ersten Diätversuchen.
- Überangebot an Lebensmitteln
Bulimie tritt nur dort auf, wo Lebensmittel zu jeder Zeit und in jeder Menge verfügbar sind. In Ländern mit Nahrungsmangel gibt es keine Bulimie.
- Genetische Einflüsse
Bulimie tritt familiär gehäuft auf bzw. in Verbindung mit anderen psychischen Störungen in der Familie. Es kann auch ein generell niedriger Energieverbrauch vorliegen, sodass grundsätzlich eine Neigung zu Übergewicht besteht. Oftmals ist auch der Spiegel von Botenstoffen, die das Sättigungsgefühl und die emotionale Befindlichkeit beeinflussen, niedriger als bei gesunden Menschen.
- Persönliche Eigenschaften
Bulimiker haben oft Minderwertigkeitsgefühle, überzogene Ansprüche an sich selbst und orientieren sich stark an der Meinung anderer. Mit überragenden Leistungen möchten sie Zuneigung erkaufen. Sie haben eine Neigung zur Konfliktvermeidung und ein hohes Harmoniebedürfnis. Sie sind recht schnell frustriert und haben häufig eine generelle Neigung zum Kontrollverlust.
- Lernerfahrungen
Wenn in der Kindheit Essen als Belohnung oder zur "Problembewältigung" eingesetzt wurde, so neigen Betroffene auch später dazu, sich aufgrund einer gedrückten Stimmung „etwas“ zu gönnen. Vor allem dann, wenn keine andere Art der Problembewältigung gelernt wurde.
- Familiäre Einflüsse
Einige Betroffene waren in ihrer Kindheit stark behütet, wurden bevormundet und kamen aus Familien, in denen der Leistungsgedanke im Vordergrund stand und in denen Konflikte nicht gelöst, sondern vermieden wurden. Sie mussten sich zusammenreißen und durften sich nicht gehen lassen.
- Veränderungen, psychische Irritationen, traumatische Erlebnisse
Stimmungsschwankungen, depressive Störungen und Krisensituationen, z. B. größere Veränderungen des vertrauten Umfeldes, oder traumatische Erlebnisse, wie z. B. der Verlust einer Bezugsperson oder sexueller wie körperlicher Missbrauch können eine Bulimie auslösen.
- Diätverhalten
Durch häufige Diäten treten die natürlichen Mechanismen zur Steuerung der Nahrungsaufnahme wie Hunger und Sättigung in den Hintergrund.
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Symptome der Bulimie
Folgende typischen Symptome treten bei der Bulimie auf
- Normalgewicht
Das Körpergewicht liegt meist im Normalbereich, kann jedoch Schwankungen aufweisen.
- Fressanfälle
Ein Bulimiekranker isst bei einer Essattacke deutlich mehr als die meisten Menschen unter gleichen Umständen im gleichen Zeitraum essen könnten. Dabei können die Betroffenen über 5.000 Kalorien pro Anfall zu sich nehmen. Die Essattacken und das kompensatorische Verhalten treten über mindestens 3 Monate und durchschnittlich 2 x pro Woche auf und finden in aller Heimlichkeit statt.
- Kontrollverlust
Betroffene haben das Gefühl, während einer Fressattacke die Kontrolle über sich zu verlieren.
- Kompensationsverhalten
Eine Gewichtszunahme verhindert ein Bulimiekranker z. B. mit selbst herbeigeführtem Erbrechen, Missbrauch von Arzneimitteln, wie z. B. Abführmittel, Diuretika, Schilddrüsenhormonen und Appetitzügler, durch zeitweilige Hungerphasen und durch übermäßige körperliche Aktivität.
- Furcht vor Gewichtszunahme
Fast alle Menschen mit Bulimie haben eine panische Angst vor einer Gewichtszunahme und entwickeln eigene Essensrituale und Kontrollmaßnahmen, wie z.B. tägliches Wiegen, um ihr Gewicht zu halten.
- Körperschema-Störung
Obwohl Menschen mit Bulimie meist normal- bzw. idealgewichtig sind, fühlen sie sich entweder insgesamt oder an bestimmten Körperstellen zu dick. Das Selbstwertgefühl wird übermäßig durch die subjektive Wahrnehmung der eigenen Figur und des Körpergewichtes beeinflusst.
- Krankheitsbewusstsein
Im Gegensatz zu Magersüchtigen nehmen Menschen mit Bulimie ihre Erkrankung durchaus als solche wahr und haben einen hohen Leidensdruck und Schuldgefühle. Doch das Erbrechen und die Krankheit werden verheimlicht. Nach Offenbarung der Krankheit besteht jedoch eine hohe Therapiebereitschaft.
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Folgen der Bulimie
Körperliche Folgen
- Durch das häufige Erbrechen und die Hungerphasen zwischen den Essanfällen kann es zu Elektrolytentgleisungen und Fehlernährung kommen. Müdigkeit, Antriebsmangel und Konzentrationsstörungen, wie auch Herzrhythmus- und Hormonstörungen sind die Folge.
- Die Speicheldrüsen schwellen durch das ständige Erbrechen an, sodass Bulimiker oftmals regelrechte Hamsterbacken haben. Die Magensäure gelangt in die Speiseröhre und kann zu Sodbrennen, Verätzungen und Entzündungen führen. Der Zahnschmelz wird angegriffen und die Entstehung von Karies begünstigt.
- Die großen Mengen verschlungener Nahrungsmittel stellen eine Belastung für den Magen dar, sodass es zu chronischer Magenerweiterung bis hin zu Magenwandperforationen und -rissen kommen kann.
- Die Einnahme von z. T. hoch dosierten Medikamenten ist zusätzlich stark gesundheitsschädigend und kann zu Nierenversagen oder Leberschädigung führen.
- Da bei der Bulimie der Kontrollverlust charakteristisch ist, sind oft Missbrauch von Drogen und Alkohol sowie Selbstverletzungen mit dieser Erkrankung verbunden.
Psychische Folgen Aufgrund des Kontrollverlustes bei der Nahrungsaufnahme entstehen Scham- und Schuldgefühle, die zusammen mit der ständigen Furcht vor der Entdeckung der Essstörung durch andere in die soziale Isolation führen können. Zusätzlich können Angstzustände, Depressionen und Selbsttötungsgedanken auftreten. Einige Betroffene entwickeln im Verlauf der Erkrankung auch eine Persönlichkeitsstörung.
Finanzielle Probleme Neben den gesundheitlichen Folgen haben die Betroffenen mit noch ganz anderen Problemen zu kämpfen: Durch den hohen Nahrungsmittelkonsum und die Ausgaben für Medikamente passiert es leicht, dass Betroffene Schulden machen oder im schlimmsten Fall kriminell werden.
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Therapie der Bulimie erfolgt zweigleisig
Körperliche Stabilisierung durch normales Essverhalten Im Gegensatz zu
Magersüchtigen befindet sich das Gewicht der Erkrankten nicht im kritischen, die Körperfunktionen gefährdenden Bereich, sodass generell keine stationäre Behandlung notwendig ist. Es sei denn, es liegen gravierende medizinische Komplikationen vor, wie z. B. Elektrolytentgleisungen, eine Chronifizierung der bulimischen Episoden oder Doppelerkrankungen, z.B. mit Diabetes.
Förderung der Selbstkontrolle Bei der Therapie der Bulimie geht es in erster Linie darum, die Ess-Brech-Attacken zu reduzieren. Dazu muss das alltägliche Essverhalten normalisiert werden: Das bedeutet nicht nur eine ausreichende Kalorienzufuhr, sondern auch eine angemessene Zusammensetzung der Nahrung sowie die Regelmäßigkeit der Nahrungsaufnahme. Den Betroffenen soll geholfen werden, ihr Essverhalten objektiver wahrzunehmen und die Kontrolle über die Essanfälle zurückzugewinnen. Das langfristige Ziel der Therapie ist ein Essverhalten, das durch eine Vielfältigkeit der Nahrungsmittel, Genuss und eine Orientierung am Appetit auf bestimmte Nahrungsmittel gekennzeichnet ist.
Psychotherapie für mehr Selbstsicherheit und Konfliktfähigkeit Ein langfristiger Therapieerfolg ist aber nur zu erwarten, wenn auch die ursächlichen Faktoren behandelt werden. Zentrale Ansatzpunkte sind hierbei die Verbesserung des Selbstwertgefühls und die Veränderung der verzerrten Einstellungen und Überzeugungen bezüglich Körper und Gewicht sowie der angemessene Umgang mit Problemen. Hierzu müssen die Einstellungen des Betroffenen zur Nahrung, zum Gewicht und zur verzerrten Körperwahrnehmung aufgearbeitet und bewusst gemacht werden. Nur so lassen sich das geringe Selbstwertgefühl und die perfektionistischen Maßstäbe ändern. Zudem ist es wichtig, dass Bulimiker lernen, wie sie mit Stimmungsschwankungen, Konflikten und Belastungen umgehen und das übermächtige Bedürfnis nach Schlankheit überwinden können, ohne auf schädigendes bulimisches Verhalten zurückgreifen zu müssen. Diese Verhaltensweisen müssen dann langfristig trainiert werden.
Gestaltungs- und Familientherapie Gestaltungstherapien, wie z. B. die Mal- oder Musiktherapie, können die Therapie unterstützen, indem sie Patienten ermöglicht, auf eine ganz andere Art Gefühle und Konflikte auszudrücken. Um den Familienmitgliedern den Umgang mit der Erkrankung zu erleichtern oder Störungen in der Familie direkt anzugehen, werden bei der Behandlung auch die Angehörigen der Betroffenen mit einbezogen. Dabei soll gemeinsam festgestellt werden, welche Faktoren zur Aufrechterhaltung der Bulimie beitragen und dann z.B. ein angemessener Umgang mit Konflikten eingeübt werden.
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